Die Kammer des Schreckens oder Meine Wohnung, ein first world problem

Nach einer Wohnungsbegehung mit der Immobilienfirma, die meinen Vermieter vertritt, stehe ich fassungslos in meinen vier Wänden und frage mich, immer wieder den Kopf schüttelnd und gedankenleer in den Dielenboden starrend: Wie konnte ich nur so viele Jahre in dieser Bruchbude (über)leben? Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, ein blanker Wahnsinn, eine Zumutung, nicht für Menschen gemacht. Es ist eine Kammer des Schreckens. Und ein Wunder, dass uns die Elektrik noch nicht um die Ohren geflogen und das Wasser aus den Rohren noch nicht um die Knöchel gespült ist. Wie konnte ich jahrelang nur so blind sein? Weiterlesen „Die Kammer des Schreckens oder Meine Wohnung, ein first world problem“

Alltag, go home!

Glaubt man dem aktuellen Cicero-Magazin, dann ist Peter Sloterdijk (71) „Deutschlands wichtigster Intellektueller“. Gefolgt von Jürgen Habermas (89), Hans Magnus Enzensberger (89), Martin Walser (91) und Peter Handke (77). Ich weiß jetzt, warum. Sloterdijk muss sich nicht um seinen WLAN-Router kümmern. Das muss mein Opa (91) ja auch nicht. Eigentlich kann man sich all diese Herren auch nicht beim Ausräumen einer Spülmaschine, beim Anstehen an der Supermarktkasse oder beim Aufhängen nasser Bettwäsche vorstellen. Sie haben also erheblich mehr Zeit alltäglich der Intellektualität zu frönen als, sagen wir mal, ich zum Beispiel. Denn ich habe einen WLAN-Router. Weiterlesen „Alltag, go home!“

Jazz, Jazz, Jazz

Woher meine Liebe zum klassischen Jazztrio in der Besetzung Schlagzeug, Kontrabass, Klavier kommt? Ich weiß es nicht mehr. In der Schule fand ich die Big Band cool. Selbst spielte ich im Orchester, aber die Big Band war cool. Naturgesetz. Dann fing ich mich an durch Bebop, Cool Jazz, Modern und ein bisschen Oldschool Jazz zu hören – querbeet, von Thelonious Monk, Miles Davis, Oscater Peterson bis Glenn Miller und Benny Goodman. Irgendwo bin ich hängen geblieben. Weiterlesen „Jazz, Jazz, Jazz“

Literatur & Tagesgeschehen: Lasst uns die Wiederholung stoppen!

Ich lese gerade Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass. In dem 2006 erschienenen Erinnerungsbuch, man könnte es auch Biografie nennen, aber der Terminus verbietet sich eigentlich aufgrund der Art und Weise, wie Grass die eigenen Erinnerungen wie beim Häuten einer Zwiebel Schicht um Schicht freilegt und vielleicht auch mal die ein oder andere Erinnerungslücke mit seiner Fantasie anreichert. Die Erzählung folgt außerdem keinem streng chronologischen Verlauf, sondern springt mit Vor- und Rückblenden immer wieder hin und her, verweist in die Gegenwart oder wieder in die frühe Kindheit zurück. Dazwischen gibt es Verweise zum Werk, allen voran natürlich zur Blechtrommel. Hauptsächlich blieb dieses Buch dem kollektiven Gedächtnis präsent, da Grass in ihm erstmals offenlegt, dass er als Jugendlicher der Waffen-SS beitrat – ein kolossaler Fehler, den er auch eingesteht, um den es heute aber hier nicht gehen soll.

Vielmehr bin ich beim Lesen einer Passage gestolpert und musste mir nicht einmal die Augen reiben, so offensichtlich sprang mich eine Parallele zum aktuellen politischen Tagesgeschehen an. Grass berichtet retrospektiv von seiner Kunstlehrerin, die auch während des sog. Dritten Reiches Kunstbände mit Werken verfemter Künstler vorhielt und die interessierten und kunstbegabten Schülern darin blättern lies, darunter: Otto Dix, Paul Klee, Lyonel Feininger, Ernst Barlach. Dass diese Künstler allesamt als „entartet“ geschmäht und verboten waren, war den Schülern selbstverständlich klar, oft hatten sie in der Wochenschau im Kino von der wahren, echten, deutschen, schönen Kunst gehört und gesehen. Und dann kommt der Absatz, über den ich schaudernd stolperte: „Lilli Kröhnert, […] meine geliebte Lehrerin, die mir Verbotenes, immer noch einen Lehmbruck zeigte, aber auch auf geduldete Bildhauer wie Wimmer und Kolbe hinwies, lief Gefahr, von ihrem, wie sie meinte, nicht unbegabten Schüler verpfiffen zu werden. Verrat war üblich. Ein anonymer Hinweis genügte. In jenen Jahren haben glaubenseifrige Gymnasiasten oft genug ihre Lehrer – so ein Jahr später meinen Lateinpauker Monsignore Stachnik – nach Stutthof, ins KZ gebracht.“

Zeitgleich lese ich auf ZEIT ONLINE, dass sich beispielsweise die Berliner Lehrerin Nicole Schuster ängstigt, seitdem sie nach einer öffentlichen Aktion gegen die AfD bedroht wird. Diese Partei, die selbstverständlich nur mit lupenreinen Demokraten besetzt ist, hat bereits in mehreren Bundesländern eine – man kann es nicht anders nennen – Denunziationsplattform für Schüler online gestellt. Die AfD nennt dieses Angebot selbst „Informationsportal Neutrale Schulen“, Persönlichkeitsrechte denunzierter Lehrer*innen seien natürlich gewahrt und das Ganze habe nichts mit einem Online-Pranger zu tun. Die Berliner AfD schreibt zur Vorgehensweise: „Berichte über mutmaßliche Verstöße gegen das Neutralitätsgebot können uns vertraulich über unser Kontaktformular gesendet werden. Sollte ein begründeter Anfangsverdacht auf einen Verstoß gegen das Neutralitätsgebot oder eine andere diesbezügliche Rechtsvorschrift vorliegen, bieten wir an, den Vorgang unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte an die Schulbehörde zur Überprüfung weiterzuleiten.“ Wie ekelhaft. Gerade die Anonymisierung führt ja dazu, dass engagierte Lehrer*innen nun in Angst leben müssen, denunziert zu werden und erst davon mitzubekommen, wenn die Landesschulbehörde bei ihnen auf der Matte steht. Sie sind wehrlos.

Ich schließe mich daher gerne, sobald das Portal in Niedersachsen am 17. Dezember gestartet ist, dem kreativen Protest der Piratenpartei an, die das baden-württembergische Portal innerhalb eines Tages durch Scherz-Anfragen zum Kollaps gebracht haben. Unter mein-abgeordneter-hetzt.de kann man sich Originalzitate von AfD-Politiker*innen mit gewürfelten Orten und Schulen ausgeben lassen und diese den Meldeportalen als Spam übermitteln. Nie war Spam schöner.

Zeichnung: Günter Grass
Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel, 2006, Büchergilde Gutenberg, Zitat v. S. 308

„Das trifft sogar meinen Humor“: Regisseurin Claudia Isabel Martin zur Zeitmäßigkeit der Operette

Mit der Operette ist es so eine Sache. Als Kunstform der leichten Muse, der Popularmusik, zu Beginn des 20. Jahrhunderts höchst beliebt, wurde sie irgendwann von dem aus den USA nach Europa überschwappenden Musical in die Ecke gedrängt. Heute gibt es zwar auch an den großen Opernhäusern immer mal wieder Operetten, aber das Repertoire beschränkt sich auf Die Fledermaus, Die lustige Witwe, Im weißen Rössl und einige wenige andere. Dabei hatte die Operette eine Blüte mit gesellschaftskritischen und aktuellen Themen sowie Persiflagen zu allen erdenklichen Stoffen. Durch ihre Leichtigkeit und Ironie schaffte sie es, diese einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Ungefähr so verhält es sich mit der Oscar-Straus-Operette Die lustigen Nibelungen von 1904. Wem Wagners Ring zu lang und Hebbels Nibelungen zu kompliziert sind, findet die Truppe rund um Siegfried, Brunhilde und Co. also auch in Straus‘ „burlesker Operette“. Klar, dass den Nazis eine Parodie auf den hehren deutschen Stoff, und dann auch noch von einem jüdischen Komponisten ein Dorn im Auge war. Schindluder mit Wagner und dem Nibelungenlied? Das geht natürlich gar nicht. Die Operette war demnach während der NS-Zeit verboten und wurde erst in den 70er Jahren wiederentdeckt. Kürzlich hatte ich bei der Jungen Operette Frankfurt die Gelegenheit das Werk zu sehen. Und was soll man sagen: Es ist schon eine ziemliche Hanswurstiade, und zwar mit mehreren Hanswürsten. Aber Spaß macht das trotzdem: Ein bunter Hofstaat als agiles Ensemble, jeder mit seinen eigenen kleinen Scharmützeln, eine schlagkräftige Brunhilde, die – wenn schon nicht von Gunther, dann eben vom unbezwingbaren Siegfried – im Boxkampf besiegt wird und darum Gunther ehelichen muss, ein kluger Vogel, zwei tollpatschige Drachen und ein meuchelnder Hagen sind mit von der Partie. Dargeboten wurde dieses leichtfüßige Singspiel mit Mini-Orchester und Erzählerfigur im Großen Saal der Freimaurerloge Zur Einigkeit. Allein das war den Besuch eigentlich schon wert.

Das kulturheftchen traf Regisseurin Claudia Isabel Martin exklusiv zum Interview auf dem graubraunmelierten Sofa. Weiterlesen „„Das trifft sogar meinen Humor“: Regisseurin Claudia Isabel Martin zur Zeitmäßigkeit der Operette“

Bühnenkunst im Hamsterrad

Über den Regisseur Ulrich Rasche kursieren seit einiger Zeit in Kritik- und Theaterkreisen zwei Meinungen: HYPE HYPE HYPE sowie HASS HASS HASS. Jüngst hat der Ober-Maschinist des deutschsprachigen Theaters für seine Inszenierung Die Perser von Aischylos, die im Sommer bei den Salzburger Festspielen herauskam und jetzt am Schauspiel Frankfurt gezeigt wird, den Nestroy-Preis bekommen als beste Aufführung im deutschsprachigen Raum (nominiert war, by the way, auch der andere HYPE-HASS-Regisseur Ersan Mondtag). Rasches Bühnenbilder sind dafür bekannt, so aufwändig und riesig zu sein, dass sie kaum in andere Theater verlagert werden können, sodass seine Münchner Räuber nicht zum Theatertreffen nach Berlin fahren konnten. Die feinen Kolleg*innen von den Kultur-Netzwerkern gucken sich am 26. November Die Räuber an, und schreiben in der Ankündigung: „Lange gewünscht, jetzt wird es endlich wahr. Wir gehen in die Räuber. Ein Laufband, eine Räuberbande und 4 Musiker reichen für einen beeindruckenden Abend, bei dem man förmlich niedergewalzt wird. Diesem Sog kann man sich nicht entziehen. Aus gutem Grund nahezu immer ausverkauft.“ Sie folgen der HYPE-Spur. Weiterlesen „Bühnenkunst im Hamsterrad“

Gegen Ver-rückung

Manchmal gehe ich ins Museum und lasse mich überwältigen, bis mir schwindlig wird – so geschehen bei den psychedelischen Op-Art-Bildern von Victor Vasarely im Frankfurter Städel Museum. Manchmal gehe ich aber auch ins Museum und weiß danach nicht genau, wie meine sich dann spontan einstellende Gefühlslage zu deuten ist. So geschehen in der Lotte-Laserstein-Ausstellung, ebenfalls im Städel. Ich habe die Retrospektive, die in sechs thematische Bereiche eingeteilt ist, mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Angst, Wut, Trauer und Beglückung durch Kunstgenuss verlassen und bin dann noch mal rein, um einige Bilder noch einmal anzusehen. Warum? Weiterlesen „Gegen Ver-rückung“

Die grüne Vase

Heute waren die Blumen in der grünen Vase verwelkt. Eine Sonnenblume mit etwas Grün, gemischt mit übriggebliebenem Schleierkraut von vor zwei Wochen. Es sah zugegebenermaßen etwas zusammengestümpert aus, aber es passte beides zusammen in die grüne Vase. Beim Entsorgen der Blumen bemerkte ich ein angeklebtes Blatt im Inneren der Vase. Es war gut sichtbar im semitransparenten Glas. Zeit sie mal ordentlich auszuwaschen. Wie lange ich diese grüne Vase wohl schon habe? Ich weiß genau, zu welchem Anlass ich sie bekommen habe. Vor langer Zeit zu einem Geburtstag von meiner Schulfreundin Sabrina. Ich glaube, dass ich das Geschenk damals irgendwie komisch und irgendwie doch gut fand, mit 14 (oder 15?). Bei einer Vase schwingt immer das ungewünschte Geschenk – „Oh was für eine wunderschöne Vase, vielen Dank!“ – mit. Aber ich mochte die Vase, obwohl ich damals nie Blumen gekauft habe. Für mich ist eine Vase ein Staubfänger mit Bestimmung, ein Dekoobjekt mit tieferem Sinn. Vielleicht ist die Vase deswegen immer mit mir umgezogen, auch ohne regelmäßige Bestückung. Seit einiger Zeit kommt die Vase häufiger zum Einsatz, vielleicht habe ich das Blumen-kauf-Alter nun erreicht. Ob Sabrina die Vase damals selbst für mich ausgesucht hat? Oder war es vielleicht eins der beliebten Notfallgeschenke, die Mütter gelegentlich zur Hand haben, wenn man die Geburtstagspartys der Mitschülerinnen mal wieder verpennt hat? Wahrscheinlich weiß sie das selbst nicht mehr. Melden könnte ich mich trotzdem mal wieder. Ist länger her, dass wir gesprochen haben.

Ein Trend und ich (nicht)

Heute wollte ich eine Gießkanne kaufen. Nein, nicht so ein grünes 12-Liter-Monstrum für den Balkon, sondern ein kleines, feines Modell für das Grünzeug, das es bei mir trotz fehlendem Gärtner-Gen auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer über die Jahreszeiten schafft. Ich zog also los und war mir meiner Sache sicher: Das quietschbunte IKEA-Plastik-Schnabeltassenmodell sollte es nicht werden, mir schwebte etwas Stilvolleres in Richtung Kupfer vor. Weiterlesen „Ein Trend und ich (nicht)“

Violinkonzerte – ein Produkt von Zufall und Lebensrealität

Alle drei Jahren treffen sich in Hannover 32 junge Geigerinnen und Geiger aus aller Welt – wobei, man kann sagen:  mehrheitlich aus Asien (Länder wie Neuseeland, Australien, USA und Kanada sind mit je einem Talent vertreten, aus Europa/Russland kommen neun Teilnehmer*innen), und zeigen sich im Internationalen Joseph Joachim Violinwettbewerb, der von der Stiftung Niedersachsen ausgerichtet wird. Man kann von Musikwettbewerben halten, was man will – auch der JJV wird regelmäßig kritisiert, wenn wieder einmal Schüler*innen des nicht stimmberechtigten Jury-Vorsitzenden und künstlerischen Leiters Krzysztof Wegrzyn ins Finale einziehen, die andere dort vielleicht nicht gesehen hätten* – dennoch mag ich den Gedanken, ein zweiwöchiges Fest der Violine zu veranstalten und dem Publikum im Grunde nichts anderes als einen Haufen feinster Konzerte in unterschiedlichen Besetzungen anzubieten. Weiterlesen „Violinkonzerte – ein Produkt von Zufall und Lebensrealität“