Bühnenkunst im Hamsterrad

Über den Regisseur Ulrich Rasche kursieren seit einiger Zeit in Kritik- und Theaterkreisen zwei Meinungen: HYPE HYPE HYPE sowie HASS HASS HASS. Jüngst hat der Ober-Maschinist des deutschsprachigen Theaters für seine Inszenierung Die Perser von Aischylos, die im Sommer bei den Salzburger Festspielen herauskam und jetzt am Schauspiel Frankfurt gezeigt wird, den Nestroy-Preis bekommen als beste Aufführung im deutschsprachigen Raum (nominiert war, by the way, auch der andere HYPE-HASS-Regisseur Ersan Mondtag). Rasches Bühnenbilder sind dafür bekannt, so aufwändig und riesig zu sein, dass sie kaum in andere Theater verlagert werden können, sodass seine Münchner Räuber nicht zum Theatertreffen nach Berlin fahren konnten. Die feinen Kolleg*innen von den Kultur-Netzwerkern gucken sich am 26. November Die Räuber an, und schreiben in der Ankündigung: „Lange gewünscht, jetzt wird es endlich wahr. Wir gehen in die Räuber. Ein Laufband, eine Räuberbande und 4 Musiker reichen für einen beeindruckenden Abend, bei dem man förmlich niedergewalzt wird. Diesem Sog kann man sich nicht entziehen. Aus gutem Grund nahezu immer ausverkauft.“ Sie folgen der HYPE-Spur. Weiterlesen „Bühnenkunst im Hamsterrad“

Gegen Ver-rückung

Manchmal gehe ich ins Museum und lasse mich überwältigen, bis mir schwindlig wird – so geschehen bei den psychedelischen Op-Art-Bildern von Victor Vasarely im Frankfurter Städel Museum. Manchmal gehe ich aber auch ins Museum und weiß danach nicht genau, wie meine sich dann spontan einstellende Gefühlslage zu deuten ist. So geschehen in der Lotte-Laserstein-Ausstellung, ebenfalls im Städel. Ich habe die Retrospektive, die in sechs thematische Bereiche eingeteilt ist, mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Angst, Wut, Trauer und Beglückung durch Kunstgenuss verlassen und bin dann noch mal rein, um einige Bilder noch einmal anzusehen. Warum? Weiterlesen „Gegen Ver-rückung“

Die grüne Vase

Heute waren die Blumen in der grünen Vase verwelkt. Eine Sonnenblume mit etwas Grün, gemischt mit übriggebliebenem Schleierkraut von vor zwei Wochen. Es sah zugegebenermaßen etwas zusammengestümpert aus, aber es passte beides zusammen in die grüne Vase. Beim Entsorgen der Blumen bemerkte ich ein angeklebtes Blatt im Inneren der Vase. Es war gut sichtbar im semitransparenten Glas. Zeit sie mal ordentlich auszuwaschen. Wie lange ich diese grüne Vase wohl schon habe? Ich weiß genau, zu welchem Anlass ich sie bekommen habe. Vor langer Zeit zu einem Geburtstag von meiner Schulfreundin Sabrina. Ich glaube, dass ich das Geschenk damals irgendwie komisch und irgendwie doch gut fand, mit 14 (oder 15?). Bei einer Vase schwingt immer das ungewünschte Geschenk – „Oh was für eine wunderschöne Vase, vielen Dank!“ – mit. Aber ich mochte die Vase, obwohl ich damals nie Blumen gekauft habe. Für mich ist eine Vase ein Staubfänger mit Bestimmung, ein Dekoobjekt mit tieferem Sinn. Vielleicht ist die Vase deswegen immer mit mir umgezogen, auch ohne regelmäßige Bestückung. Seit einiger Zeit kommt die Vase häufiger zum Einsatz, vielleicht habe ich das Blumen-kauf-Alter nun erreicht. Ob Sabrina die Vase damals selbst für mich ausgesucht hat? Oder war es vielleicht eins der beliebten Notfallgeschenke, die Mütter gelegentlich zur Hand haben, wenn man die Geburtstagspartys der Mitschülerinnen mal wieder verpennt hat? Wahrscheinlich weiß sie das selbst nicht mehr. Melden könnte ich mich trotzdem mal wieder. Ist länger her, dass wir gesprochen haben.

Ein Trend und ich (nicht)

Heute wollte ich eine Gießkanne kaufen. Nein, nicht so ein grünes 12-Liter-Monstrum für den Balkon, sondern ein kleines, feines Modell für das Grünzeug, das es bei mir trotz fehlendem Gärtner-Gen auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer über die Jahreszeiten schafft. Ich zog also los und war mir meiner Sache sicher: Das quietschbunte IKEA-Plastik-Schnabeltassenmodell sollte es nicht werden, mir schwebte etwas Stilvolleres in Richtung Kupfer vor. Weiterlesen „Ein Trend und ich (nicht)“

Violinkonzerte – ein Produkt von Zufall und Lebensrealität

Alle drei Jahren treffen sich in Hannover 32 junge Geigerinnen und Geiger aus aller Welt – wobei, man kann sagen:  mehrheitlich aus Asien (Länder wie Neuseeland, Australien, USA und Kanada sind mit je einem Talent vertreten, aus Europa/Russland kommen neun Teilnehmer*innen), und zeigen sich im Internationalen Joseph Joachim Violinwettbewerb, der von der Stiftung Niedersachsen ausgerichtet wird. Man kann von Musikwettbewerben halten, was man will – auch der JJV wird regelmäßig kritisiert, wenn wieder einmal Schüler*innen des nicht stimmberechtigten Jury-Vorsitzenden und künstlerischen Leiters Krzysztof Wegrzyn ins Finale einziehen, die andere dort vielleicht nicht gesehen hätten* – dennoch mag ich den Gedanken, ein zweiwöchiges Fest der Violine zu veranstalten und dem Publikum im Grunde nichts anderes als einen Haufen feinster Konzerte in unterschiedlichen Besetzungen anzubieten. Weiterlesen „Violinkonzerte – ein Produkt von Zufall und Lebensrealität“

Über Ikonen

Wie wird ein Kunstwerk ikonografisch, epochal? Ich stelle mir vor, dass es in der Regel ungefähr so aussieht: Der oder die Künstler*in gestaltet Werke, irgendjemand befindet sie irgendwann für gut, im besten Fall ist es eine einflussreiche Person, die Werke gelangen in den Kunstmarkt. Und irgendwann, vielleicht ist der oder die Künstler*in schon längst tot, schaffen es die Werke in den Kanon, vielleicht werden sie dem Markt durch Ankauf von Museen entzogen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wieder bestimmt irgendjemand mit Einfluss (Kunstkritik, Galerien, Oligarchen?), ob die Kunst von Bedeutung ist. Und peu à peu schält sich heraus, ob ein Werk vielleicht paradigmatisch für eine Epoche oder einen Stil oder eine andere Kategorie sein könnte. Und dann wird es reproduziert, übermalt, collagiert, taucht verfremdet in anderem Kontext wieder auf und irgendwann ist es so bekannt, dass man von einer Ikone sprechen kann. Solche Beispiele gibt es ja ohne Ende, das Internet ist eine lustige Fundgrube dafür, ich mag z. B. die Fat Cat Art Gallery. Weiterlesen „Über Ikonen“

Mein Kontrabass und ich

Orchester geht wieder los. Jedes Jahr im Herbst packe ich nach einer kleinen Weile des Faulenzertums den Kontrabass aus seiner großen schwarzen Hülle, lasse sie unterm Bett verschwinden, spiele ein paar grausame Töne bis mir die Fingerkuppen schmerzen und stelle den bockigen Bass wieder in seine Ecke. Von dort beobachtet er mich, bis mein schlechtes Gewissen mich zum ernsthaften Üben treibt. Aus aktuellem Anlass also ein etwas älterer Text von mir, alle meine Bass-Kolumnen findet man übrigens noch HIER in den Tiefen der Rubrik Blog. Weiterlesen „Mein Kontrabass und ich“

Braunkohle damals und heute

Herbst 2018.

Aktivist*innen wohnen auf Bäumen, Menschenketten riegeln einen Wald ab, die Naturschutzszene Deutschlands ist in Aufruhr. RWE will den letzten Rest des jahrhundertealten Hambacher Forstes für den Braunkohletagebau abholzen. Unter dem Motto #hambibleibt demonstrieren Braunkohlegegner*innen und Umweltschützer*innen gegen dieses Vorhaben. Heute lässt sich das Bild von Braunkohletagebau circa so umreißen: Investition in eine rückwärtsgewandte Energiegewinnung, Zerstörung von Landschaft und Lebensräumen, Emissionen von gesundheitsschädlichem Feinstaub, Schwermetallbelastung, ein riesiges Loch für immer, Trockenlegung eines ganzen Landstrichs (mit dadurch sinkendem Grundwasserspiegel), Lärmbelästigung für die Anwohner*innen … Weiterlesen „Braunkohle damals und heute“

Liebermann am Strand

Ich stelle mir vor, wie Max Liebermann 1898 am niederländischen Strand sitzt, ausgestattet mit Staffelei, Pinseln, Leinwand, Farben, anderen Malerutensilien. Er beobachtet die badenden Jungen am Strand. Sie sind zwischen acht und 14 Jahren alt, Kinder, Jugendliche, mit drahtigen, langen Körpern. Ihre Kleider lassen sie achtlos in den Sand fallen und stürzen sich nackt (oder ist das nur eine Fantasie des Künstlers?) in die Wellen. Einige toben in der Brandung, andere verlassen das Wasser schon wieder oder ziehen die zu großen, ehemals weißen, jetzt grau gewaschenen Hemden über (vielleicht abgelegte Kleidungsstücke der Väter oder älterer Brüder?). Liebermann sitzt und beobachtet das Treiben. Dann beginnt er zu malen. Weiterlesen „Liebermann am Strand“