Gegen Ver-rückung

Manchmal gehe ich ins Museum und lasse mich überwältigen, bis mir schwindlig wird – so geschehen bei den psychedelischen Op-Art-Bildern von Victor Vasarely im Frankfurter Städel Museum. Manchmal gehe ich aber auch ins Museum und weiß danach nicht genau, wie meine sich dann spontan einstellende Gefühlslage zu deuten ist. So geschehen in der Lotte-Laserstein-Ausstellung, ebenfalls im Städel. Ich habe die Retrospektive, die in sechs thematische Bereiche eingeteilt ist, mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Angst, Wut, Trauer und Beglückung durch Kunstgenuss verlassen und bin dann noch mal rein, um einige Bilder noch einmal anzusehen. Warum? Weiterlesen „Gegen Ver-rückung“

Über Ikonen

Wie wird ein Kunstwerk ikonografisch, epochal? Ich stelle mir vor, dass es in der Regel ungefähr so aussieht: Der oder die Künstler*in gestaltet Werke, irgendjemand befindet sie irgendwann für gut, im besten Fall ist es eine einflussreiche Person, die Werke gelangen in den Kunstmarkt. Und irgendwann, vielleicht ist der oder die Künstler*in schon längst tot, schaffen es die Werke in den Kanon, vielleicht werden sie dem Markt durch Ankauf von Museen entzogen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wieder bestimmt irgendjemand mit Einfluss (Kunstkritik, Galerien, Oligarchen?), ob die Kunst von Bedeutung ist. Und peu à peu schält sich heraus, ob ein Werk vielleicht paradigmatisch für eine Epoche oder einen Stil oder eine andere Kategorie sein könnte. Und dann wird es reproduziert, übermalt, collagiert, taucht verfremdet in anderem Kontext wieder auf und irgendwann ist es so bekannt, dass man von einer Ikone sprechen kann. Solche Beispiele gibt es ja ohne Ende, das Internet ist eine lustige Fundgrube dafür, ich mag z. B. die Fat Cat Art Gallery. Weiterlesen „Über Ikonen“

Braunkohle damals und heute

Herbst 2018.

Aktivist*innen wohnen auf Bäumen, Menschenketten riegeln einen Wald ab, die Naturschutzszene Deutschlands ist in Aufruhr. RWE will den letzten Rest des jahrhundertealten Hambacher Forstes für den Braunkohletagebau abholzen. Unter dem Motto #hambibleibt demonstrieren Braunkohlegegner*innen und Umweltschützer*innen gegen dieses Vorhaben. Heute lässt sich das Bild von Braunkohletagebau circa so umreißen: Investition in eine rückwärtsgewandte Energiegewinnung, Zerstörung von Landschaft und Lebensräumen, Emissionen von gesundheitsschädlichem Feinstaub, Schwermetallbelastung, ein riesiges Loch für immer, Trockenlegung eines ganzen Landstrichs (mit dadurch sinkendem Grundwasserspiegel), Lärmbelästigung für die Anwohner*innen … Weiterlesen „Braunkohle damals und heute“

Liebermann am Strand

Ich stelle mir vor, wie Max Liebermann 1898 am niederländischen Strand sitzt, ausgestattet mit Staffelei, Pinseln, Leinwand, Farben, anderen Malerutensilien. Er beobachtet die badenden Jungen am Strand. Sie sind zwischen acht und 14 Jahren alt, Kinder, Jugendliche, mit drahtigen, langen Körpern. Ihre Kleider lassen sie achtlos in den Sand fallen und stürzen sich nackt (oder ist das nur eine Fantasie des Künstlers?) in die Wellen. Einige toben in der Brandung, andere verlassen das Wasser schon wieder oder ziehen die zu großen, ehemals weißen, jetzt grau gewaschenen Hemden über (vielleicht abgelegte Kleidungsstücke der Väter oder älterer Brüder?). Liebermann sitzt und beobachtet das Treiben. Dann beginnt er zu malen. Weiterlesen „Liebermann am Strand“