Fresh ins Heute adaptiert: Goethes „Werther“ als digitales Theater

Werther ist im Lockdown. Er hockt zuhause in seinem Dachgeschoss am Schreibtisch, unzählige Browsertabs auf dem Macbook geöffnet, und zoomt mit seinem Bro Willi. Der alte Partyhengst ist gerade im Erasmussemester in Montpellier (BWL, was sonst?). Im Gegensatz zum Draufgänger Willi ist Werther ein feinfühliger Künstler, der gerade sein Jurastudium geschmissen hat und nun sein Leben umkrempeln will.

Seine aktuellen Gedanken bündelt er in sepiafarbenen Collagen, Inspiration dafür gibt es im Internet (griechische und keltische Mythologie, Daphnis und Chloé, Die Nibelungen etc. pp.), Bildmaterial sammelt er aus historischen Büchern. Beim Kauf eines Buches über antike Waffen bei eBay Kleinanzeigen lernt er die zarte Lotte kennen. Sie verkauft für ihren Onkel ein paar alte Schinken und beantwortet Werther eine Rückfrage am Telefon. Über Whatsapp kommen sie miteinander ins Gespräch: über Kunst, Musik, Literatur. Beide scheinen, auf liebenswerte Art und Weise, aus der Zeit gefallen zu sein. Obwohl sie Digital Natives sind, blitzschnell im Chat antworten, double screenen, googlen, Sprachnachrichten verschicken und völlig selbstverständlich ihre Instagram- und Facebook-Profile bestücken, interessieren sie sich für klassische Literatur, Poesie, Kunst, und hängen philosophischen Gedanken nach („Wir sind so klein.“) Schon im ersten Zoomcall wird klar: Das ist er, der Coup de foudre, die echte Liebe auf den ersten Blick. Werther bekommt sein breites Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht, Lotte freut sich verschämt, als Werther einen Song, den sie ihm schickt, auch gut findet. Hier ist etwas im Gange – aber nur digital. Denn im echten Leben lernen sich Werther und Lotte nie kennen. Sie leben in verschiedenen Städten, und schließlich ist da auch noch der Lockdown. Als Werther seinem Kumpel Willi nach längerer Zeit von Lotte berichtet, ahnt dieser bereits, dass Werther unter dieser Internetbekanntschaft sehr leiden könnte. Denn Lotte hat einen Freund, Albert. Weltverbesserer, grüne Seele, liebender Partner. Die beiden scheinen, so lassen es ihre Instagramprofile vermuten, glücklich miteinander zu sein. (Der Gesichtspunkt von Inszenierung und Authentizität in Social-Media-Kanälen wird hier nicht berührt.) Wie passt Werther in diese anscheinend perfekte Zweierbeziehung?

Die digitale Inszenierung „werther.live“ von Cosmea Spelleken zieht sich über ein gutes halbes Jahr, wir sehen Lotte und Werther, Willi und gelegentlich auch Albert beim Chatten, Zoomen, Telefonieren, Gedanken formulieren, beim Scrollen durch Instagramprofile und beim Surfen. Sie sind uns nah, weil sie auch alman_memes2.0 folgen, und weil sie unsere Sprache sprechen, GIFs und Fotos verschicken und darauf mit „hahahahahaha“ antworten, sich gegenseitig stalken und jede Nachricht überinterpretieren. In kurzen vorproduzierten Videos sehen wir Werther, wie er auf der Schreibmaschine seine berühmt gewordenen Briefe schreibt und können auch dieser Sprache Goethes durch ihre kraftvolle Poesie folgen. Im Moment ihrer Rezitation sind die kurzen aphorismenhaften Gedanken einfach nur wahrhaftig.

Wie wir wissen, nimmt das alles kein gutes Ende, so viel Spoiler sei bei diesem Klassiker erlaubt. Denn obwohl Lotte und Werther sich gegenseitig ihre Liebe gestehen, lehnt Lotte ab, Werther im echten Leben zu treffen. Sie scheut die Auseinandersetzung mit der Frage, ob ihr Leben mit Albert wirklich die einzig mögliche Option ist. (Eine Verhaltensweise, die und auch heute durchaus bekannt vorkommt.) Mit den für Werther bekannten Folgen.

Das vierköpfige Ensemble zieht uns hinein in eine Geschichte, die wir alle als zu romantisch, gestrig, unwahrscheinlich erachten. Ganz zu Beginn meint der immer etwas over-the-top-mäßige Willi (Florian Gerteis): „Wer bringt sich denn heute bitte um für’n random Girl?“, aber in Werthers zögerlicher Antwort – schwankend zwischen Zustimmung und Ablehnung – wissen wir bereits, dass dieser romantische Wuschelkopf (Jonny Hoff) ein bisschen anders veranlagt ist, da ändert auch seine harte Ignoranz der Nachrichten seiner verzweifelten Ex Leonore nichts. Werther ist sensibel, schämt sich für seine erste Indiskretion gegenüber Lotte und verfällt dieser ob ihrer wachen Offenheit (Klara Wördemann) schon im ersten Chat.

Während ich mir den Live-Stream, bei dem nie ganz hundertprozentig klar ist, was vorproduziert und was tatsächlich live gespielt ist, ansehe, habe ich mein Whatsapp Web Tool noch an. Wenn es von meinem Notebook „plingt“, weiß ich nicht, ob ich es bin, die eine Nachricht bekommen hat, oder ob es Werther ist. Unsere digitalen Realitäten vermischen sich. Schrieb ich morgens noch mit einer Freundin über die App Clubhouse, ist es abends Werther, der von einem Freund dazu befragt wird („der neue Hype in Berlin“). Das passt alles wahnsinnig gut in unsere Zeit, hat Tempo und viele kluge Spielereien. Welche Browsertabs hat Werther geöffnet? Welche Projekte liegen auf dem Desktop? Werther ändert wie wir die Hintergrundfarbe seines Chats, schreibt, recherchiert und telefoniert gleichzeitig, scrollt immer wieder durch Lottes Instagramprofil. Überhaupt, Instagram. Selbstverständlich haben die vier Figuren für das digitale Theaterprojekt – das by the way auch für das nachtkritik Theatertreffen nominiert ist – ihre eigenen Instagramprofile. Werther zeigt dort seine Collagen, Albert sein Gutmenschentum, Lotte sich selbst und Willi seine Partys. Wir können vor, während und nach dem Stück den Figuren folgen oder ihnen eine Nachricht schicken. Auch durch diese Detailverliebtheit ist das gesamte „werther.live“-Projekt wunderbar erfrischend und 1000 Mal besser als irgendein abgefilmtes Theaterstück!

Einziger Kritikpunkt wäre die fehlende Dramaturgieposition im Stab, da manche Details (Werther chattet immer nur mit den fünf gleichen Leuten und im Chat tut sich innerhalb der ganzen Zeit reichlich wenig sowie ähnliche kleine Ungenauigkeiten) schlicht etwas konsistenter hätten sein können. Der Verzicht auf Dramaturg*innen, der in der freien Szene leider immer wieder festgestellt werden kann, lässt sich wohl meist mit fehlenden monetären Mitteln erklären. Aber da spart man dann an der falschen Stelle. Abgesehen von diesem kleinen Wermutstropfen ist „werther.live“ aber ein wunderbarer digitaler Theaterabend, der sehr gut in die triste Winterstimmung des zweiten deutschen Corona-Lockdowns passt. Unbedingt empfehlenswert!

Foto: Screenshot der Website werther-live.de.

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