1. FC Opera

Jede Art von Beziehung ist ein Kompromiss. Eine Abmachung zwischen Menschen, die vieles verbindet und manches trennt. In letzter Zeit habe ich feststellen dürfen, was es für einen Spaß macht, den Kompromiss zu leben, wenn man neugierig ist und sich füreinander interessiert. Ich war also im Fußballstadion bei einem Zweitliga-Spiel zwischen Holstein-Kiel und Greuther Fürth.

Im Vorfeld dachte ich irgendwie an Langeweile im Stadion, aber so war es gar nicht. Es war im Grunde eine ziemlich schöne Unternehmung mit Freunden – niedrigschwellig, unterhaltsam, kurzweilig. Es gab vegetarische Bratwurst, der Block war recht ruhig, das Rumgucken im Stadion hat mir Spaß gemacht und ich fühlte mich extrem gut an die Hand genommen, denn ich konnte jede noch so doofe Frage stellen, sie wurde mir beantwortet. Sicherlich werde ich jetzt kein großer Fußballfan, aber es war bestimmt nicht mein letzter Besuch im Stadion. Ich denke, dass es sehr stark mit der Gesellschaft zu tun hatte. In einem Umfeld von motzenden Fans, die gegen jede – auch noch so plausible – Schiedsrichterentscheidung anbrüllen, hätte ich mich sicherlich sehr unwohl gefühlt. Aber Chris und Franzi waren einfach ehrlich am Spiel interessiert und haben das Geschehen höchstens mal mit dem brachialen „Kiel“-Ruf, der eher einem Brunftschrei gleicht, kommentiert. Am Ende hatte ich viel Neues gelernt, über Videobeweise, Lichtverhältnisse und Bedingungen im Stadion, Protest gegen den DFB und die stärksten Spieler von Holstein-Kiel. Der Top-Mann ist übrigens Südkoreaner – welch‘ herrliche Koinzidenz. Denn der Kompromiss hat noch eine zweite Seite.

Denn im Gegenzug war Chris mit mir in der Opernpremiere. Auch der Top-Mann in Die Trojaner von Hector Berlioz war Südkoreaner: der Tenor Ji-Min Park, der den Aeneas gesungen hat. Man muss vielleicht erwähnen, dass eine Grand Opéra von über vier Stunden auf Französisch mit deutschen Übertiteln doch recht harter Tobak ist für einen Operneinsteiger. Aber dank Programmheft und meinen Erläuterungen in den beiden Pausen war auch Chris gegenüber der Kunstform, der er anfänglich mit den gängigen Stereotypen begegnete (elitär, nur alte, schick angezogene Leute, kreischende Sängerinnen), am Ende gar nicht so abgeneigt. Zumindest meinte er, dass er noch mal mitkommen würde. Und tags darauf waren wir auch gleich noch mal im Sprechtheater zusammen.

Geneigte Leser*innen werden sich jetzt vielleicht fragen, warum ich hier von diesen beiden Begebenheiten so oberflächlich berichte. Ganz einfach. Es ging nicht um die beiden Unternehmungen als solches. Sondern um etwas viel Größeres: An diesem Wochenende, mit Oper und Fußball, habe ich mal wieder gelernt, wie wichtig es ist, aufgeschlossen und neugierig zu bleiben – und sich wirklich für andere zu interessieren. Kompromissbereit zu sein. Direkt nach dem Wochenende haben Chris und ich uns getroffen und uns gegenseitig zu unseren Erfahrungen interviewt. Das war im Nachgang noch mal richtig interessant. Leider lässt die Soundqualität sehr zu wünschen übrig – aber der Podcast 1. FC Opera hat Potenzial, wir arbeiten dran! :)

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