Gendergerechte Kommunikation (und andere Megatrends) – eine Gegenrede.

Heute war ich auf der Jahresveranstaltung einer größeren Kieler Werbeagentur, um etwas über die neuesten Marketing- und Kommunikationstrends des nächsten Jahres zu hören. Als Fachidiotin mit wenig Zeit für Blicke über den Tellerrand habe ich das Angebot gerne angenommen und mir einen Nachmittag Kurzvorträge angehört. Die Veranstaltung ließ sich ganz gut an, es gab Saftschorle und ein Süppchen, ein paar bekannte Gesichter und einleitende Gespräche – und eine kleine Messe mit einigen Produkt- und Online-Trends war auch aufgebaut.

Die ersten Vorträge beleuchteten zukünftige Marketingtrends wie z. B. grüne Kommunikation (Obacht wegen der Authentizität, sonst ist es Greenwashing). Man rühmte sich also selbst dafür sein begleitend erscheinendes Magazin klimaneutral hergestellt zu haben. Später beim Ausgang verteilten nette Mitarbeiterinnen der Agentur auch diese niedlichen Klebeschieber, mit denen man seine Laptopkamera zukleben kann. Ob die auch klimaneutral hergestellt seien? Auf meine den-Finger-in-die-Wunde-legende Frage erhielt ich als Antwort, recht beschämt, man wisse es ehrlich nicht. Soweit.

Auch ein Trend, der Hawaiian Lifestyle. Wie ich dies nun auf das Theater übertragen soll, weiß ich noch nicht genau. Wir proben einfach ein bisschen weniger und spielen meanwhile auf unserer Ukulele, Presseanfragen beantworten wir morgen und als Kostüm gibt es eine Blumenkette und ein Jürgen-von-der-Lippe-Gedächtnis-Hemd. Aloha.

Trend 3 sollte mich, wenn ich es ernst nähme, vielleicht besonders kümmern, da ging es nämlich um die Wichtigkeit der Nano- und Mikro-Influencer. Da meinen Blog aber nur so 3 Leute lesen, gehöre ich weder zum einen noch zum anderen. Schnell vergessen.

So ging es dann munter weiter mit shareability (=instagramability), Quantenwirtschaft (=Zusammenarbeit und Kooperation verschiedener Player), High-End-Technology (Spielzeug für Erwachsene und Verlagerung von stationärem Handel ins Netz, aber z. B. direkt in der Fußgängerzone, wenn das Geschäft geschlossen hat), Wissenskultur (Leute, die klugscheißen wollen, aber keine Zeit haben, weil sie 120 Minuten am Tag auf Instagram [#qualitytime] abhängen, lesen oder hören Zusammenfassungen von Büchern auf Blinkist *facepalm*) und Smart Cities (in London kann man an der Bushaltestelle sein Smartphone aufladen).

Dann ging es noch um Brand Books, damit die Mitarbeiter*innen eines Unternehmens mal genau wissen, worum es dem Unternehmen eigentlich geht („Was ist meine Story?“) und um die Entwicklung von Performance Marketing (emotionales Targeting ist das Stichwort, aber eine KI muss schon dahintergeschaltet sein, sonst fühlt man’s halt einfach nicht). Einiges war ganz interessant, man machte sich seine Gedanken und überlegte, wie man dieser Trends habhaft werden könnte.

Let’s talk about sex

Doch dann kam der absurdeste, dümmste und meiner Ansicht nach falscheste Vortrag, den ich seit langem gehört habe. Es ging um Gender Communication und dass der aktuelle Feminismus – auch in Werbebotschaften – kriegsähnliche Züge angenommen habe. Die Referentin vertrat die Ansicht, dass dies niemandem etwas nütze, da sich die Gesellschaft immer weiter von der Realität entferne, es aber keinerlei deutschsprachiges Qualitätsmedium gäbe, das ihre These stütze (sie hätte sich vielleicht vorab mal fragen sollen, warum das so ist. Und ich möchte jetzt bitte nichts vom Establishment hören!). Sie machte das neu erschienene Spiel Ms. Monopoly, bei dem Frauen 20 % mehr Geld bekommen, wenn sie über Los ziehen, vor dem ganzen Saal lächerlich, ohne das Wort Gender Pay Gap auch nur ein EINZIGES Mal in den Mund zu nehmen. Sie stellte das Gedankenexperiment, der Firma thinx, was wäre, wenn alle Menschen menstruieren würden, infrage („Den Spot kann ich euch nicht ganz zeigen, der ist zu lang“ à der Spot dauert 1:20 Minuten), ohne auch nur einmal zu erwähnen, dass es selbst heutzutage noch reihenweise Männer gibt, die der festen Überzeugung sind, PMS und Menstruationsbeschwerden seien doch sicherlich nicht so schlimm und Frauen würden sich schon daran gewöhnen und ohne zu erwähnen, dass es viele Frauen gibt, die regelmäßig nicht zur Schule oder zur Arbeit gehen können aufgrund ihrer Schmerzen und dass die Periode in anderen Kulturen noch immer ein enormes Stigma ist. Sie sprach dem gesamten Feminismus die Wissenschaftlichkeit ab, nahm menschenverachtende Werbekampagnen (True Fruits) in Schutz und kam dann sogar noch mit dem Totschlagargument („Ersetzen Sie mal in dem nachfolgenden, Männer kritisieren Satz das Wort Männer durch Homosexuelle oder Juden“) schlechthin. Ein Wort zur jahrelangen Unterdrückung der Frau? Zur Elternzeit? Zum Ehegattensplitting? Zur Altersarmut bei Frauen? Zur Armut(sspirale) bei alleinerziehenden Müttern? Zur #metoo-Debatte? Zu sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch am Arbeitsplatz? Man suchte es vergebens.

Dieser Vortrag war einfach nur abstoßend, empörend. Und wofür? Um am Schluss die These rauszuhauen, das Marketing von heute müsse wieder mutiger und provozierender werden, im Sinne einer echten Debattenkultur anstelle von Einheitsbrei und Gruppendenken. Damit öffnet man diskriminierenden und verachtenden Gruppen wie der AfD und anderen rechtsextremen Gruppierungen und ihren überkommenen Ansichten Tür und Tor. Und die überwiegend alten weißen Männer im Saal haben sich nach diesem Vortrag wahrscheinlich gefühlt wie der König – haben ja nichts falsch gemacht die letzten 1000 Jahre des Patriarchats. Ich hingegen war kurz vor dem Erbrechen. Auf der Toilette nach dem Vortrag (Schlangestehen bei den Damen) habe ich laut gerufen, „Her mit der Unisex-Toilette!“, keine der anwesenden Damen hat darauf auch nur ansatzweise angemessen reagiert. Es ist und bleibt ein Trauerspiel.

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