Die Kammer des Schreckens oder Meine Wohnung, ein first world problem

Nach einer Wohnungsbegehung mit der Immobilienfirma, die meinen Vermieter vertritt, stehe ich fassungslos in meinen vier Wänden und frage mich, immer wieder den Kopf schüttelnd und gedankenleer in den Dielenboden starrend: Wie konnte ich nur so viele Jahre in dieser Bruchbude (über)leben? Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, ein blanker Wahnsinn, eine Zumutung, nicht für Menschen gemacht. Es ist eine Kammer des Schreckens. Und ein Wunder, dass uns die Elektrik noch nicht um die Ohren geflogen und das Wasser aus den Rohren noch nicht um die Knöchel gespült ist. Wie konnte ich jahrelang nur so blind sein?

Alles fing mit einer Lappalie an. Ich habe meine Wohnung gekündigt, die Firma wollte sich einen Eindruck des Zustands meiner vier Wände (und denen meiner beiden Mitbewohnerinnen, deren Wohlergehen ich also ebenso in meinen Verantwortungsbereich nehmen muss) machen. Die zuständige Sachbearbeiterin kam, inspizierte, kommentierte, fragte nach, fotografierte, dokumentierte. Sie fand: „Highlight um Highlight“.

In der Küche fand sie einen nicht durchgängigen Fliesenboden, der zu leichter Unebenheit führt. Sie fand eine – wohl aus Kostengründen – nicht durchgehend geflieste Wand („Das ist so lang okay, bis man an der Anordnung Spüle/Arbeitsfläche/Herd etwas ändert“) und „abenteuerliche“ Kabel.

Im Flur fand sie eine TV-Buchse, aus der ein Kabel quer und hoch Räume miteinander verbindet, von uns mit kleinen Häkchen fürsorglich an die Wand getackert, sowie ein 2-Phasen-Stromkabel, das aus der Wand ragt („Haben Sie beim Aufhängen der Lampen auch mal irgendwo drei Kabel gesehen?“).

Im Bad fand sie eine in der Badewanne hängende Therme und den Beginn zweier sich mittels Löchern in der Wand einmal durch die Wohnung schlängelnden Heizungsrohre, außen an allen Wänden montiert. Ich verschwieg ihr die große Praxistauglichkeit dieser Löcher in der Wand zur Zweitnutzung für LAN- und andere Kabel.

In meinem Schlafzimmer fand sie einen fehlenden Tritt vor der Balkontür zur Abdeckung der Heizungsrohre und einen naturnah verwilderten Balkon.

In Franzis Zimmer fand sie ein zweites aus der Wand hängendes Stromkabel, dieses jedoch abisoliert – puh, da wurde die Gefahr gebannt!

In Claudias Zimmer fand sie einen nicht geklebten Teppichboden auf nicht abgeschliffenen Dielen sowie einen Balkon ohne Abflussrohr, dafür mit Abflussloch – die Menschen auf dem Bürgersteig weichen der gelegentlichen Sturzflut elegant aus.

Im Wohnzimmer fand sie zu wenige Steckdosen, diese dafür aber antik („Das ist ja ein Ding!“). Ich verriet ihr, dass wir Mehrfachsteckdosen nutzen. Sie kommentierte dies mit den Worten: „Das ändert an der Grundproblematik nichts.“

Die Dame blieb während des Rundgangs sehr ruhig und besonnen, was die Drastik ihres Resümees für mich besorgniserregend verstärkte: „Sie wissen selbst, dass hier alles sehr alt ist. Der Vermieter muss sich entscheiden. Will er die grundlegende Modernisierung dieser Wohnung in Angriff nehmen oder nicht? Da müssen wir natürlich über die Kosten sprechen, hier kann man sehr viel Geld investieren. Ich weiß nicht, ob er das im Moment aufbringen kann und will. Zumindest die Elektrik müsste sich mal ein Fachmann mit moderner Messtechnik ansehen. Wir werden das alles besprechen, ich melde mich dann bei Ihnen. Aber es kann auf jeden Fall eine Woche dauern.“

Geschockt blieb ich in der Wohnung zurück. Wie konnte ich all diese Highlights seit fast zehn Jahren übersehen? Wie konnte ich hier, in dieser Kammer des Schreckens, unbesorgt leben? Und auch meine Mitbewohnerinnen? Welchen Gefahren habe ich uns fast ein Jahrzehnt lang ausgesetzt? Und wie soll ich nun, da mir wie Schuppen von den Augen fällt, in welchem Desaster ich mein Dasein friste, noch weitere drei Monate hier wohnen (oder soll man besser „hausen“ sagen?) können? Es ist wirklich eine Zumutung.

Falls trotzdem jemand Interesse hat, sich die Wohnung mal anzuschauen, sie ist dann ab 1. Juli 2019 frei – gesetzt den Fall, dass mein Vermieter das Geld nicht in die Hand nehmen will oder kann.

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