Bühnenkunst im Hamsterrad

Über den Regisseur Ulrich Rasche kursieren seit einiger Zeit in Kritik- und Theaterkreisen zwei Meinungen: HYPE HYPE HYPE sowie HASS HASS HASS. Jüngst hat der Ober-Maschinist des deutschsprachigen Theaters für seine Inszenierung Die Perser von Aischylos, die im Sommer bei den Salzburger Festspielen herauskam und jetzt am Schauspiel Frankfurt gezeigt wird, den Nestroy-Preis bekommen als beste Aufführung im deutschsprachigen Raum (nominiert war, by the way, auch der andere HYPE-HASS-Regisseur Ersan Mondtag). Rasches Bühnenbilder sind dafür bekannt, so aufwändig und riesig zu sein, dass sie kaum in andere Theater verlagert werden können, sodass seine Münchner Räuber nicht zum Theatertreffen nach Berlin fahren konnten. Die feinen Kolleg*innen von den Kultur-Netzwerkern gucken sich am 26. November Die Räuber an, und schreiben in der Ankündigung: „Lange gewünscht, jetzt wird es endlich wahr. Wir gehen in die Räuber. Ein Laufband, eine Räuberbande und 4 Musiker reichen für einen beeindruckenden Abend, bei dem man förmlich niedergewalzt wird. Diesem Sog kann man sich nicht entziehen. Aus gutem Grund nahezu immer ausverkauft.“ Sie folgen der HYPE-Spur.

Es wird also Zeit, sich endlich mal selbst ein Bild über Ulrich Rasche und sein „monumentales Mensch-Maschinen-Musik-Theater“ (Wow, Resi – ihr Alliterations-Artist*innen!) zu machen. Ich bin also nach Frankfurt gefahren und habe knapp vier Stunden im Theater verbracht. Das, was Rasche macht, ist (theater)technisch hochkomplex und ebenso streng wie präzise gearbeitet. In wenigen Minuten ist klar, was hier passiert: Die untere, nur leicht geneigte Drehscheibe rotiert unentwegt, die drei Darstellerinnen (Katja Bürkle, Valery Tscheplanowa und Patrycia Ziolkowska) laufen unentwegt gegen die Drehung an, meist bleiben sie so auf dem gleichen Fleck. Eine Band von fünf Musiker*innen mit soghaften Percussion- und Bratschenklängen sowie zwei Sänger untermalen die Rezitation ohne Pause, man fragt sich, wie sie das durchhalten. Es ist eine große Performance. Die Sprechweise wird schon bei den Darstellerinnen klar. Jeder Text ist deklamiert, ist pathossatt, ist schwanger vor Bedeutung. Jedes Wort, jede Sentenz, jeder Schritt ist rhythmisiert und choreografiert. Natürlichkeit? Davon keine Spur. Als dann die Armee des Xerxes auf der oberen Drehscheibe, die sich teilweise in steilem Winkel neigt, erscheint, wird dieser Eindruck noch verstärkt. Die Perser, vernichtend geschlagen durch die Griechen, sind entindividualisiert, sie sind nur noch Masse. Sie sprechen durchgehend im Chor, auch hier ist die musikalische Arbeitsweise Rasches beeindruckend. Doch innerhalb dieses Sprechchores, der durch die rhythmische Untermalung teilweise fast an Rap erinnert und der gleichzeitigen marschhaften Bewegung, in der jeder Schritt mit besonderer Kraft und Vehemenz ausgeführt wird, sodass sich die Schauspieler allmählich in eine Extase hineinbewegen (was man auf der Video-Vergrößerung gut sehen kann), schmerzen einzelne Fehler – zu frühe Einzeleinsätze, minimale Abweichungen in Gestus oder Asynchronität der Bewegungen – wie Messerstiche. Es ist ein Inszenierungskonzept, das die Schauspieler*innen gleichermaßen nackt wie farblos dastehen lässt. Die Schauspieler*innen sind degradiert zu Ausführenden eines Regieansatzes, der sie mit dem maschinellen Bühnenbild, der Beleuchtung, dem Theaternebel und der Musik auf eine Stufe stellt, sie eins werden lässt mit der Gesamtumgebung. Nicht einmal mit den Figuren der drei Frauen (Atossa, Chor des persischen Ältestenrats und dem Geist von Dareiros) konnte ich mitfühlen. Jede Emotion wirkt auf-ge-setzt auf die Ge-setz-mä-ßig-kei-ten des be-deu-tungs-schwan-ge-ren Spre-chens in Cho-re-o-gra-fie-un-i-on mit dem Lau-fen. Und das hört nie auf. Es sind Bühnenkünstler*innen in Rasches Hamsterrad. Und wenn dann auch noch bei der Textstelle „Wir sind auf unseren Knien“ alle Schauspieler der Armee des Xerxes auf den Knien stehen, ist das Mickey Mousing perfekt. Das tut fast weh.

Meistens, wenn ich ins Theater gehe, freue ich mich über jede Einzelleistung der Schauspieler*innen, entdecke Eigenheiten, die ich später vielleicht wieder entdecke, meine, eine Figur verstehen oder nachvollziehen zu können, zu ahnen, wie der oder die Schauspieler*in sich mit der Figur auseinandergesetzt hat. Das geht bei Rasche nicht. Ich könnte jetzt, auch nach dem Gespräch mit den mich begleitenden Freunden (die den Abend als „hoch ästhetisiert“ und „würd ich mir auch bei Spotify anhören“ beschrieben), nicht sagen, ob ich eine*n Schauspieler*in besonders gut fand oder nicht. Es wirkt mehr so, als sei es für sie eine technische Studie, eine Etüde. Und Etüden sind ja auch in der Musik im Grunde genommen nur das Mittel zum Zweck, später Gelerntes in seiner eigentlichen Kunst mitsamt Ausdruck und Charakter anwenden zu können. Ich werde also wohl irgendwann mal wieder nach Frankfurt fahren müssen, um mir über das Ensemble ein Bild machen zu können.

Also HYPE oder HASS? Ich würde sagen: Kann man so machen, muss man aber auch nicht.

Foto: Birgit Hupfeld

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