Ein Trend und ich (nicht)

Heute wollte ich eine Gießkanne kaufen. Nein, nicht so ein grünes 12-Liter-Monstrum für den Balkon, sondern ein kleines, feines Modell für das Grünzeug, das es bei mir trotz fehlendem Gärtner-Gen auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer über die Jahreszeiten schafft. Ich zog also los und war mir meiner Sache sicher: Das quietschbunte IKEA-Plastik-Schnabeltassenmodell sollte es nicht werden, mir schwebte etwas Stilvolleres in Richtung Kupfer vor. Dass sollte ja nicht so schwer sein, dachte ich mir, schließlich ging es hier um eine Gießkanne und nicht um ein komplexes Unterfangen wie das Finden von schwarzen Ankle Boots mit 6 cm Blockabsatz, ohne Schnürung, aber mit Profil (nicht zu doll), die bequem und dennoch elegant sind und keine halben Monatsgehälter kosten. Aber wie sich herausstellte, hatte ich meine Mission ohne jahreszeitlich angepasstes Interior Styling gemacht. Im Grunde genommen ist es doch ein Segen, all diese Krims-Krams-Läden rund ums Schöner Wohnen, da haben die ja auch Vasen in allen erdenklichen Größen, Formen und Farben – ans Grünzeug in der Wohnung ist also gedacht –, da werden sie doch auch eine Gießkanne feilbieten.  Also rein zu Butlers, Søstrene Grene, Depot, Nanu Nana, in meiner Verzweiflung sogar tedi und dann auch noch Zara Home und: NICHTS. Keine einzige Gießkanne. Stattdessen Gefäße: Tellerchen, Tässchen, Schatullen, Döschen, Schälchen, Boxen, Kisten, Körbchen. Was soll in all diesen Gefäßen verstaut und aufbewahrt werden? Knopfsammlungen? Weihnachtsbäckerei? Hochwertige Briefpapiere, Schreibgerät und der Tuschekasten? Und dann: Kerzen, Kissen, Decken, Duftöle. Schon klar, der Winter: er kommt. Und der Mensch, der mag‘s gemütlich. Aber so viele Flauschi-Kuschel-Kamindecken, Kissenpracht, dass Sultan Saladins Tempel als kahle Hütte erscheint und eine olfaktorische Kulisse, dass Douglas die reinste Blumenwiese dagegen ist, das kann doch irgendwie nicht mehr ernst gemeint sein. Fast meine ich zu ahnen, die Menschheit habe sich in die Felshöhle zurückgezogen, ohne Betten, Heizung, fließend Wasser. Wie ließe sich dieses Quartett der Sinnlosigkeiten ansonsten erklären? Habe ich einen Trend verpasst, die ich nun, Ende Oktober, die Therme angeschmissen habe und mich abends ins Winterbett fallen lasse, um morgens eine warme Dusche zu nehmen? Es scheint so. Wieder einmal findet der Dernier Cri ohne mich statt. Vielleicht schaue ich im Frühjahr noch mal nach der Gießkanne, wenn das jahreszeitliche Interior Styling und meine Shopping-Bedürfnisse eine Schnittmenge haben. Bis dahin bewässere ich mein mir alle Trockenperioden verzeihendes Zebragras eben wie immer mit dem Teepott.

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