Über Ikonen

Wie wird ein Kunstwerk ikonografisch, epochal? Ich stelle mir vor, dass es in der Regel ungefähr so aussieht: Der oder die Künstler*in gestaltet Werke, irgendjemand befindet sie irgendwann für gut, im besten Fall ist es eine einflussreiche Person, die Werke gelangen in den Kunstmarkt. Und irgendwann, vielleicht ist der oder die Künstler*in schon längst tot, schaffen es die Werke in den Kanon, vielleicht werden sie dem Markt durch Ankauf von Museen entzogen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wieder bestimmt irgendjemand mit Einfluss (Kunstkritik, Galerien, Oligarchen?), ob die Kunst von Bedeutung ist. Und peu à peu schält sich heraus, ob ein Werk vielleicht paradigmatisch für eine Epoche oder einen Stil oder eine andere Kategorie sein könnte. Und dann wird es reproduziert, übermalt, collagiert, taucht verfremdet in anderem Kontext wieder auf und irgendwann ist es so bekannt, dass man von einer Ikone sprechen kann. Solche Beispiele gibt es ja ohne Ende, das Internet ist eine lustige Fundgrube dafür, ich mag z. B. die Fat Cat Art Gallery.

Es ist schwer vorstellbar, dass jemand eine fotografische Serie gestalten will, die den Anspruch hat, ein Porträt der Bewohner eines Landes und eines ganzen Jahrhunderts darzustellen. August Sander hat das vor ziemlich genau 100 Jahren genauso gemacht. Seine Werke kannte ich, weil sie in oben beschriebenem Kanon gelandet und im besten Sinne ikonografisch sind. Sander (1876-1964) plante eine Serie mit 600 Fotos, die er Menschen im 20. Jahrhundert nannte. Stark. Wikipedia schreibt: „Es sollte ein umfassendes Gesellschaftsbild der spätwilhelminischen Ära und der Weimarer Republik darstellen. Er hoffte, typisierende Merkmale in Haltung, Gestik, Kleidung finden und für alle Ewigkeit festhalten zu können.“ Und Zeitgenosse Kurt Tucholsky bestätigt das bereits 1930, wenn er sagt: „Sander hat keine Menschen, sondern Typen fotografiert. Menschen, die so sehr ihre Klasse, ihren Stand, ihre Kaste repräsentieren, dass das Individuum für die Gruppe genommen werden darf.“

Man stelle sich das mal im 21. Jahrhundert vor. Würde man einem Künstler nicht Arroganz attestieren, würde er ein solches Projekt wagen? Ungeachtet der Tatsache, dass wir ja heutzutage meinen, alle so furchtbar individuell zu sein – bis die Modeindustrie mit ihrer Freundin, der Werbung, um die Ecke kommt, und uns zeigt, was gerade en vogue ist. Vermutlich wäre so eine Serie also doch viel realistischer und die Stereotype, die man für uns fände, wären zutreffender, als man sich das wünschen würde (der Informatiker, die Dramaturgin, der Maschinenbauingenieur…). Und tatsächlich: Unter dem Stichwort „Menschen des 21. Jahrhunderts“ findet man ohne Mühe ein Fotoprojekt des Hallenser Fotografen Joerg Lipskoch. Ob Lipskoch damit auch einmal in den Kanon eingehen wird? Vielleicht braucht er eine Influencerin, der entfernten Verwandten des Großkritikers.

Ich jedenfalls habe mich über die in ihrer Klarheit so wunderbaren Porträts von August Sander sehr gefreut, sie hängen noch bis 2. Dezember 2018 im Museum der bildenden Künste in Leipzig – ich kann nur empfehlen, sich die Fotos anzuschauen, über die Sander selbst sagte: „Wenn ich nun als gesunder Mensch so unbescheiden bin, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen oder können, so möge man mir dies verzeihen, aber ich kann nicht anders. Nichts ist mir verhasster als überzuckerte Fotografie mit Mätzchen, Posen und Effekten.“

Zum Abschluss gibt es noch eine Würdigung Sanders von meiner geschätzten Kollegin Katrin Ribbe, das Original unter dem Titel Jungbauern (1914) ist z. B. HIER zu finden.

© Katrin Ribbe: Schauspieler Mathias Spaan für das Spielzeitheft 2015/16 des Schauspiel Hannover

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