Mein Kontrabass und ich

Orchester geht wieder los. Jedes Jahr im Herbst packe ich nach einer kleinen Weile des Faulenzertums den Kontrabass aus seiner großen schwarzen Hülle, lasse sie unterm Bett verschwinden, spiele ein paar grausame Töne bis mir die Fingerkuppen schmerzen und stelle den bockigen Bass wieder in seine Ecke. Von dort beobachtet er mich, bis mein schlechtes Gewissen mich zum ernsthaften Üben treibt. Aus aktuellem Anlass also ein etwas älterer Text von mir, alle meine Bass-Kolumnen findet man übrigens noch HIER in den Tiefen der Rubrik Blog.

schweinsteiger_kleiner

Bastian Schweinsteiger, Kontrabassdozent
(Vielen Dank an Kilian für dieses gefundene Bild.)

Zum Kontext des Textes. Mit dem fabelhaften Jungen Sinfonieorchester Hannover habe ich im Sommer 2018 Gustav Mahlers 3. Sinfonie spielen dürfen. Da gab es auch mal eine spaßige Kontrabass-Stimmgruppenprobe, zwar nicht mit dem klugen Bastian Schweinsteiger. Aber diese Weisheit ist ohnehin weit verbreitet und bekannt.

WIR BRAUCHEN BASS – Folge 6 oder WIRKLICH WICHTIGE STELLEN

Ach, wir Kontrabassist*innen, wir haben es schon fein. Während man mit dem Geige spielen besser schon als vierjähriges Kind anfängt, gilt unser Instrument als klassisches Zweitinstrument. Den Edelbassist*innenstatus hat uns trotzdem noch nie wer abgesprochen. Auch ich war jahrelang eine Flöte, bis ein tiefer Drang mich zum Kontrabass lockte. Dabei bin ich geblieben. Die Proben sind entspannt, man muss nicht wie verrückt üben und trotzdem hört jeder, wenn man mal fehlt. Denn „der Kontrabass ist im Ensemble wie ein Tortenboden für den Kuchen – hält der nicht, verläuft die ganze Verzierung, die er trägt.“

Die generelle Entspanntheit unseres Notentextes überträgt sich auf die Spielenden. Wir sind zunächst einmal völlig unprätentiös und nehmen uns nicht so wichtig – vgl. hierzu zwei Verse der Strophe „Geige“ aus dem „Orchesterlied“ eines scharfen Beobachters: „Im Orchester spiele ich die Melodie. / Das ist das Wichtigste, das denken nicht nur Sie.“ So etwas beim Kontrabass – undenkbar. Weiterhin sind wir gesellig, umgänglich, kompromiss- und hilfsbereit, wir sehen es nicht so eng mit dem Notentext, sondern fokussieren uns auf die wirklich wichtigen Sachen – vgl. hierzu („unsere“ Strophe des „Orchesterlieds“: Höher, schneller, lauter, das ist Arroganz. / Wirklich wichtig ist doch nur die Resonanz.“  Und falls Sie jetzt denken, dass so was ja nur ein ironisches Orchesterlied oder die Trulla vom letzten Pult behaupten können, dann mag ich Sie gerne vom Gegenteil überzeugen. Denn wir hatten Stimmprobe. Nachdem andere Instrumentengruppen sich schon mehrere Male zu Intensiv-Proben getroffen haben, war es bei uns – drei Wochen vor dem Konzert – jetzt auch soweit. Unser Dozent Felix, seines Zeichens Kontrabassist bei der NDR Radiophilharmonie, kommt top vorbereitet („Nee, Mahler 3 hab ich noch nie gespielt, aber geiles Stück!“ – „Beim Anhören habe ich ein paar Sätze übersprungen, ich dachte wir machen heute  die wirklich wichtigen Stellen.“) Zwei Sätze und ich weiß: Der Mann ist weise und klug. Wir spielen also zum Beispiel diese Stelle: Ein Marschrhythmus mit punktierten Achteln, Pausen und Sechzehntelnoten im ppp, ein Abschluss mit Triller und einem Nachschlag und schwupps, sind wir wieder in der Tonika. Felix‘ Kommentar dazu: „Passt auf, dass der Rhythmus nicht unter diesen Extra-Gadgets leidet. Lasst den Nachschlag weg, verkürzt den Triller, der Abschlusston muss sitzen.“ Wir machen uns bei jeder Stelle, und sei sie noch so verrückt, klar, welche Aktion wirklich wichtig ist und was Mahler damit aussagen wollte. Tatsächlich ist es, wie ich bereits vergangene Woche mutmaßte, oft der Effekt: Mehrere Takte Sechzehntelläufe – vergiss die Töne, der Akzent auf Zählzeit 2 macht die Stelle interessant. Ein unspielbarer Bogen – das Murmeln ist, was zählt. Aber warum schreibt Mahler denn nicht einfach so, dass man es easy spielen kann? Auch dazu hat Felix den passenden Kommentar: „Der Kontrabass ist ein musikhistorisches Missverständnis.“ Wir wissen noch nicht einmal, welche Bässe Mahler in der Städtischen Kapelle Krefeld und dem Gürzenich-Orchester Köln vorgefunden hat, als er mit diesen beiden Orchestern seine 3. Sinfonie 1902 zur ersten vollständigen Uraufführung brachte. Es ist alles Interpretation – und wir sind die Interpreten seiner Musik. Welch‘ erhebendes Gefühl – und das trotz der tiefen Töne!

Edit 17.10.2018: Dieses Semester spielen wir eine Uraufführung von Tobias Rokahr, das 1. Klabierkonzert von Frédéric Chopin und die 2. Sinfonie von Charles Ives. Konzerte im Februar. Stay tuned!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s